MATHIAS HARTMANN                      












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RE-WRITING REALITY

Series of silkscreen prints postered on wall | 480 x 240 cm  | 2015

re-writing_reality_exhibition_view

Notizen zum Projekt

Erinnerungen äußern sich als unbestimmte, gedankliche Prozesse, in denen Erlebtes wieder bewusst wird. Ähnlich wie unscharfe Projektionen scheinen sie unbegrenzt zu sein und Vergangenes mit Gegenwärtigem zu vermischen. Durch das Auftauchen von Erinnerungen stehen Erlebtes und Wirklichkeit in einem anderen, neuartigen Verhältnis. Die Wirklichkeit wird überblendet bzw. teilweise überschrieben. Nur ein Ausschnitt des einst Erlebten wird durch die Erinnerungen wieder präsent. Das fragmentarische Wiedererleben, das Erinnerungen einleiten, wirkt projektionsartig, mit offenem Anfang und Ende.
Diese ästhetische Betrachtungsweise von Erinnerung wird zum Gegenstand des Projekts Re-writing Reality. Fotomaterial, Notizen und Skizzen meiner Amerikareise bilden das Ausgangsmaterial des Projekts. Die flüchtig entstanden Fotografien dokumentieren Eindrücke oder Erlebnisse von unterschiedlichen Orten und Situationen, die Notizen ergänzen diese. Für die schließlich im Siebdruck entstanden Unikate des Projekts werden die Aufnahmen eines Innerraums prägend. Die in zwei Reihen präsentierten und direkt aufeinanderfolgenden Siebdrucke, zeigen einen Innenraum, der an den eines Hotels, einer Unterkunft erinnert. Dem Betrachter wird der Zutritt zu diesem Raum durch eine offenstehende Türe ermöglicht. Aus dem Innenraum wird der Blick durch ein Fenster mit aufgezogenem Vorhang nach draußen geleitet. Unterhalb des Fensters unterstreicht eine übergroße Klimaanlage das Klischee einer verschwenderischen, amerikanischen Lebenskultur. Der Betrachter kann sich in seiner Vorstellung in diesem Raum bewegen, der ihm in Ausschnitten vorgeführt wird. Auf den ersten Blick fallen nur wenige Objekte auf, ein schwarzer Sessel, eine Klimaanlage, ein aufgeklapptes Notebook, ein weißes Telefon, ein unberührter Apfel. Die Objekte wirken wie Requisiten einer eben verlassenen Bühne. Folgendes könnte sich vor dieser Filmkulisse abgespielt haben.
Inmitten einer von Naturgewalt geprägten Landschaft zeigt sich eine Stadt mittlerer Größe. Wir folgen in einem Kleinwagen der breiten, waldgesäumten Straße in den Ort hinein. Es ist spät am Abend und fast dunkel. Eine der nächsten Möglichkeiten für eine Unterkunft nehmen wir war und biegen auf einen der übergroßen Parkplätze ab. Das Schild am Eingang zeigt "Vacancy". Wir verlassen das Auto und gehen langsam entlang des ausladend in die Breite gebauten, zweistöckigen Motels. An der Rezeption erhalten wir den Zimmerschlüssel mit Zimmernummer als Karte und eine Quittung über die Bezahlung. Wir folgen der Beschreibung des Angestellten zum Zimmer. Beim Vorrübergehen eröffnet sich uns eine Szene, wie die aus dem Projekts Re-writing Reality. Eine Tür steht offen, die Vorhänge sind aufgezogen. Neugier drängt uns hinein und wir bewegen uns in diesem Raum.
Wer bewohnt diesen Raum? Werden wir beobachtet? Wurde das Zimmer gerade erst verlassen? Möglicherweise von Jemanden in Eile? Die sich abspielende Szene lässt sich lediglich erahnen und die vorhandenen Objekte können nur als Hinweise gedeutet werden. Kommunikation ist nur durch das Telefon bzw. das Notebook möglich. In der Bildersequenz taucht das Telefon mehrmals auf und steigert die Erwartung eines Anrufs. In ihrer Gesamtwirkung erinnert die Szene an die eines Film Noirs.
Die im Siebdruck entstandene Erinnerungssequenz geht also auf Dokumentationsmaterial einer Amerikareise zurück. Welchen Eindruck hat der Aufenthalt dort hinterlassen? Nach dem Bearbeiten des Materials ist eine Szene entstanden, die seltsam, beklemmend wirkt.
Erinnerungen werden in dem Projekt vielmehr als unbestimmte oder ästhetische Prozesse wahrgenommen und weniger als psychologische Muster. Neben der Sequenz von Siebdruckunikaten entstehen am Ende in der Auseinandersetzung mit dem Ausgangsmaterial zwei weitere wesentliche Serien in unterschiedlichen Medien, die als Vorstudien betrachtet werden können.
Zunächst wurde versucht durch Nitrofrottagen die aneinandergereihten Fotos zu einer Sequenz zu verbinden. Danach wurden in analoger Größe ausgedruckte Fotos manipuliert, so dass Teile durch Chemikalien abgelöst oder mit Farbe übermalt wurden. Schließlich entstehen aus den Fotos verschwommene oder verwischte Bilder. Diese Eingriffe verbinden die an unterschiedlichen Orten entstandenen Fotos. Die Realisierung des Projekts im Siebdruck ist ein Verbindung dieser beiden Vorgehensweisen, die in den Vorstudien deutlich werden. Die im Siebdruck von mir entwickelte Technik ermöglicht einen Aufbau der Bilder in Graustufen, ohne die Verwendung des klassischen Rasters. Überlagerung, Transparenz oder Manipulation der Druckstufen sind dann nicht mehr nur Vorgehensweisen, sondern verdeutlichen vor allem den Charakter eines Erinnerungsfetzens. Das Ausgangsmaterial wird buchstäblich überschrieben. Wirklichkeit wird umgeschrieben.
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